Die Brosche
(Auszug aus der Anthologie: Das Auge der Elster)
„Wieso
wuselst du so nervös herum, mein Schatz? Bist du aufgeregt, weil
Laura zu Besuch kommt?“
Magdalena wirft ihrem Mann, der sie, am Küchentisch sitzend, mit
einem amüsierten Funkeln in den Augen beobachtet, einen zerstreuten
Blick zu. Sein gut gelauntes Gesicht entlockt ihr ein fahriges Lächeln,
und sie entgegnet ihm mit tadelndem Unterton:
„In meinem Alter regt man sich nicht mehr so leicht auf, mein Lieber.
Ich „wusele“ herum, weil ich verzweifelt meine Sonnenbrille
suche.“
Mit einem ratlosen Blick in den warmen, dunkelbraunen Augen setzt sich
Magdalena zu ihrem Mann. Er lächelt immer noch verschmitzt und brummt:
„Es ist das Alter, meine Liebe. Jetzt, wo uns schon drei Zwerge
Oma und Opa nennen, dürfen wir uns eine gewisse Zerstreutheit offiziell
erlauben.“
Magdalena mustert ihren Mann zweifelnd. Gerne würde sie verdrängen,
dass sie die ersten Zeichen des Alterns längst auch an sich bemerkt
hat. Ihr langes, dichtes dunkles Haar scheint täglich auf wundersame
Art und Weise neue graue Strähnen hervor zu bringen. Aber sollte
sie tatsächlich bereits geistig abbauen, mit ihren vierundfünfzig
Jahren? Das glaubt Magdalena erst, wenn sie bessere Beweise als spurlos
verschwundene Socken oder rätselhaft umher wandernde Schlüsselbunde
und andere Habseligkeiten gesammelt hat. Und wenn sie sich ihren Mann
so ansieht, kann sie noch weniger glauben, dass das Alter auch ihn bereits
berührt haben könnte. Seine kerzengerade Haltung, die breiten
Schultern und kräftigen Arme verraten ihn immer noch als begeisterten
Sportler. Das Objekt ihrer stillen Betrachtungen reißt sie prompt
aus ihren Gedanken.
„Nun, womit wollen wir unsere süße Enkelin dieses Wochenende
unterhalten? Du hast doch bestimmt schon Pläne, wie ich dich kenne!“
„Na klar! Weißt du noch, wie du Laura letzten Sommer weisgemacht
hast, dass unter unserem Scheunendach drei Gespenster wohnen?“
Frederik grinst, als er sich daran erinnert.
„Ja, und ich habe ihr erzählt, wie furchtbar lieb und nett
unsere Geister sind, damit sie sich nicht zu sehr gruselt.“
„Nun, ich habe einen Plan. Was hältst du davon, wenn du den
Vormittag nutzt, um eine Schatzkarte zu basteln, während ich in die
Stadt fahre und einige Kleinigkeiten kaufe, die wir in einer Schatzkiste
für Laura verstecken?“
„Du meinst, wir veranstalten eine gruselige Schatzsuche mit ihr?
Das ist brillant! Meine einfallsreiche Frau!“
Frederik springt auf und stürmt davon – zweifellos, um auf
der Stelle das Material für die Schatzkarte zusammen zu suchen. Obwohl
Magdalena seine Vorliebe für Handwerkliches und Basteln seit Jahrzehnten
kennt und liebt, entlockt sein Eifer ihr immer noch ihr warmes Lachen.
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