Die Herausforderung
(Auszug aus Kapitel I meines Romans: Die Kristallwandler)
Auf Zehenspitzen schlich Elderas durch sein Elternhaus
und hoffte, niemanden aufzuwecken. Unbemerkt ins Freie gelangt, nahm er
einen tiefen Atemzug, bis eiskalte aenirische Nachtluft seine gesamte
Lunge ausfüllte. Dass die Nacht noch nicht dem anbrechenden Tag gewichen
war, erkannte Elderas nicht an der Dunkelheit – denn in Aeniria
war es immer dunkel. Am schwach violetten Schimmer des untergehenden Mondes,
der die winterlichen Himmelslichter widerspiegelte, las er ab, dass der
Tagesanbruch noch knapp eine Stunde auf sich warten ließe. Ein starker
Wind fegte durch die Gassen von Elderas’ Heimatdorf Tarulkka, die
sich völlig menschenleer vor ihm erstreckten.
Sehr gut, dachte Elderas bei sich, während er in seine grauen
Winterstiefel glitt. Wird ja auch Zeit, dass ich einmal Glück
habe.
Vier Versuche hatte er in den letzten Tagen unternommen, sich heimlich
davon zu schleichen, bevor die anderen Dorfbewohner erwachten. Immer war
er irgendeinem in die Arme gelaufen, der ihn dann gnadenlos in die Schule
geschleift hatte. Und genau dort mochte Elderas nicht sein. Der sternenklare
Himmel über Tarulkka, den heute violette Himmelslichter zierten,
verhieß einen wolkenlosen, klirrend kalten Wintertag. Die hohen
Schneeverwehungen auf dem meterdicken Eis glitzerten bereits in Erahnung
der bei Tagesanbruch zunehmenden Leuchtkraft der Himmelslichter.
Der große, schlanke Sohn der Heilerin Tarulkkas hatte seine Freundin
Sirko seit über drei Tagen nicht gesehen. Elderas wusste, dass sie
irgendwo in der Wildnis vor Tarulkka auf ihn wartete. Er traf sie auf
jeder seiner Wanderungen – sofern er es einrichten konnte, sich
auf einen der verbotenen Ausflüge zu begeben.
Elderas war kein Drückeberger wie sein älterer Bruder Daremal,
der die Schule immer geschwänzt hatte, um sich mit seinen Freunden
zu amüsieren. Für ihn gab es triftigere Gründe, nicht sonderlich
erpicht auf den Unterricht zu sein. Zum einen vermochten ihm die greisen
Lehrer Tarulkkas nichts Neues mehr beizubringen. Elderas schlug die Tattergreise
mühelos, wenn es um das Herunterbeten der Geschichte und Gesellschaftsstrukturen
Aenirias, der Gebote ihrer Göttin Siadria und unzählige weitere,
altbekannte Tatsachen ging.
„Und weshalb“, warf Elderas laut ein, als sein Gehirn einen
Versuch wagte, ihm ein schlechtes Gewissen einzureden, „soll ich
die letzten drei Jahre bis zur Volljährigkeit damit verschwenden,
nichts Neues zu lernen? Lieber bringe ich mir nützliche Dinge selbst
bei – zum Beispiel, in der Wildnis zu überleben!“
Faul mit Sirko herum zu lungern nennst du also Überlebenstraining?
stichelte das humorlose Gehirn des Enra. Elderas ignorierte es, wie so
oft.
Ein weiterer Grund, weshalb er die Schule mied, war sein ungewöhnliches
Äußeres, das ihm bisher zu wenige Freunde und zu viele Hänseleien
eingebracht hatte. Kein wahrhaft vernünftiger Bewohner Tarulkkas
sollte von ihm verlangen, sich freiwillig den fiesen Gemeinheiten der
anderen Jugendlichen auszusetzen. Allerdings hatte bisher niemand, der
ihn abgefangen und in die Schule befördert hatte, auch nur ansatzweise
Verständnis für seine Situation gezeigt. Die Erwachsenen zwangen
ihn geradezu, sich selbst zu helfen – heimlich, geräuschlos
und fast unsichtbar durch die Gassen Tarulkkas zu schleichen.
Während er damit beschäftigt war, genau dies zu tun, nahm Elderas
die Eiseskälte zufrieden wahr. Im Winter präsentierte sich Mittelaeniria
als eine unwirtliche Gegend, in der nur die Stärksten überlebten.
Erst vor etwa sechshundert Jahren war es den ersten Enras überhaupt
gelungen, den Winter in diesen Landstrichen zu ertragen. Später ließen
sie einige der Riduna, die im Allgemeinen sehr viel empfindlicher auf
Kälte reagierten als Enras, nachkommen, und sorgten dafür, dass
diese den grausamen winterlichen Eisstürmen standhielten.
Elderas befreite eine Hand aus den tiefen Falten seines blauen Gewandes,
um den Kragen des langen Enra-Mantels zum Schutz gegen den schneidenden
Wind hoch zu schlagen. Mitten in der Bewegung hielt er inne und warf einen
missbilligenden Blick auf seinen Handrücken. Unverkennbar, die Zeichen
seiner Andersartigkeit: Dünne, rein weiße Haut, die sich straff
an die Knochen der Finger schmiegte. Dicke, blaue Adern wanden sich unter
der Haut wie winzige, in der Bewegung erstarrte Schlangen.
„Heute ist mein Tag!“, murmelte Elderas. Tapfer, wenn auch
erfolglos, versuchte er, einen schwermütigen Seufzer zu unterdrücken.
Tatsächlich schien ihm das Glück dieses Mal hold zu sein, denn
er erreichte den Rand des Dorfes, ohne dass ihn irgendjemand aufhielt.
Erleichtert saugte er die klirrend kalte Luft tief in seine Lunge, blieb
stehen und zog sich die silbern glitzernde Kapuze seines Mantels tiefer
ins Gesicht. Geübt kniff er seine weißen Augen zusammen, die
nur durch winzige, schwachblaue Sternabzeichen um die grauen Pupillen
etwas Farbe erhielten, beschattete sie trotz der violett schimmernden
Dunkelheit mit der flachen Hand und konzentrierte sich. Rasch entdeckte
er die schemenhaften Umrisse der Eisberge, die den Bewohnern Tarulkkas
trotzig den Weg nach Neodria, der legendären Hauptstadt, die genau
im Zentrum Aenirias – und am eisigsten Ort der Welt – lag,
versperrten. Wie lange er an diesem Tag wohl wandern würde, bis er
Sirko traf? Er vermochte es nie genau zu sagen; manchmal wartete sie gleich
hinter der ersten Schneeverwehung, die er nach Verlassen des zugefrorenen
mittelaenirischen Eismeeres, auf dem Tarulkka erbaut wurde, fand; manchmal
musste er stundenlang am Fuß des Massivs aus riesigen Eisbergen
umher streifen, bis er sie fand.
„Komm, Sirko, gib mir ein Zeichen. Wo steckst du?“
Elderas war sich kurz unschlüssig, doch dann entschied er, einfach
los zu wandern. Eile war geboten, denn die Bewohner Tarulkkas würden
bald ihr Tagwerk antreten. Während der Mond damit beschäftigt
war, unterzugehen, klopfte sich Elderas in Gedanken selbst auf die Schulter,
um sich zu seiner gelungenen Flucht zu gratulieren. Entschlossen eilte
er über das meterdicke Eis des mittelaenirischen Meeres, um Tarulkka
schnell hinter sich zu lassen. Er kam keine zehn Schritte weit.
"Hab' ich dich!"
Zwei starke Arme ließen Elderas’ Brustkorb befürchten,
in eine Schraubzwinge geraten zu sein. Der Schwung des Angreifers warf
nicht nur das Opfer um, sondern ließ auch ihn selbst straucheln
und fallen. Er riss Elderas vor dem Aufprall auf dem harten Eis herum
und landete auf seinem eigenen breiten Rücken, den weitaus schwächeren
Enra immer noch umklammert haltend. Elderas' Herz raste in seiner Brust,
seine Lunge trat einen unangemeldeten Streik an, und er fühlte ein
leichtes Schwindelgefühl aufkommen. Hilflos zuckte sein Blick über
die nicht nachgeben wollenden Arme: Sie steckten in ganz normaler Ridun-Alltagskleidung:
ein graugrünes, wolliges Hemd, das an dem durchschnittlichen Ridun
leger herab hing, bei diesem Exemplar jedoch kaum die obszön kräftigen
Muskeln verbarg. Elderas’ weiße Gesichtshaut unternahm einen
kläglichen Versuch, vor Neid zu erblassen.
"Was ist los mit dir?“, dröhnte eine tiefe Stimme. „Hat
es dir die Sprache verschlagen?"
"Lass' mich los!“, krächzte Elderas unter Aufwendung des
letzten Fitzelchens Atemluft, das sich noch tapfer an einige seiner Lungenbläschen
krallte. Die Umklammerung löste sich, aenirische Morgenluft strömte
zurück in Elderas' applaudierende Lunge, und er versuchte, so elegant
wie möglich auf die Beine zu springen. Todesmutig fuhr er herum und
warf sich seinem Angreifer entgegen. Der Ridun riss einen Arm zur Verteidigung
nach oben, packte Elderas mit der freien Hand am Kragen seines Mantels
und schleuderte ihn zu Boden, als sei er ein Sack randaenirisches Dämmergras.
Diese Demütigung mochte Elderas nicht noch ein weiteres Mal erleben,
und so gab er allen körperlichen Widerstand auf.
"Was hast du hier zu suchen, Daremal?“, fragte er mit erzwungener
Gelassenheit, während seine reinweiße, rechte Augenbraue schwungvoll
ein gutes Stück näher zu den Haarwurzeln rückte und sein
linker Mundwinkel lässig nach unten fiel. „Kannst du in Tarulkka
kein Opfer finden, dessen Muskel- und Gehirnmasse in einem besseren Verhältnis
zu deiner stehen, als meine?"
Die tiefblauen Augen des Ridun blitzten vergnügt auf, und er strich
sich eine lange, blonde Haarsträhne aus der Stirn, bevor er entgegnete:
"Sollte ich nicht besser dich fragen, was du hier zu suchen hast?
Der Unterricht für die Kleinen fängt in einer halben Stunde
an, und als ich dich heute morgen aus dem Haus schleichen sah, dachte
ich mir schon, dass du ohne meine Hilfe nicht pünktlich dort erscheinen
würdest."
Jedes Mal, wenn Daremal ihn „den Kleinen“ nannte, wollten
sich Elderas' Hände selbständig machen, seinen älteren
Bruder an dessen muskulösem Hals packen und ihn so lange schütteln,
bis sein kantiges Gesicht rot anlief. Was nahm sich Daremal heraus, ihn
so zu nennen, wo er mit seinen zweiunddreißig Jahren selbst gerade
erst erwachsen war? Elderas sah ein, dass ihn eine weitere Prügelei
seinen Zielen kein bisschen näher bringen konnte. Und die standen
in riesigen, glänzenden Lettern am dunklen, violett schimmernden
Himmel über Tarulkka:
Daremal entschlüpfen, Schule vermeiden, Sirko finden!
Er wusste aus Erfahrung, dass „verständnisvoll“ und „nachgiebig“
ganz unten auf der Liste der Attribute standen, die zur Beschreibung seines
Bruders taugten. Wer bei Daremal etwas erreichen wollte, musste hart verhandeln.
Elderas’ Ausgangsposition war nicht gerade die beste – auf
dem kalten Eis liegend, den hämisch grinsenden Bruder über sich,
der ihn immer noch mit einer Hand fest am Kragen gepackt hielt. Tapfer
eröffnete er die erste Runde:
"Na schön, Daremal. Was muss ich tun, damit du mich gehen lässt
und niemandem erzählst, wo ich bin?"
"Du musst aufhören, ein jämmerlicher Drückeberger
zu sein und anfangen, dich dem Leben zu stellen wie ein richtiger Mann“,
antwortete der Bruder, während er ihm einen unangenehmen Knuff in
die Seite versetzte.
Elderas schickte den Schmerzenslaut, der kurz davor war, seiner Kehle
zu entweichen, zurück in seine Eingeweide. Dann atmete er langsam
und hörbar aus, fasste sich an die Stirn, als hätte er Kopfschmerzen,
und entgegnete:
"Ich erkläre es dir ganz langsam. Streng' dich an und hör'
gut zu. Es gibt etwas, das ich von dir möchte. Ich möchte, dass
du dich zurück nach Tarulkka verziehst und die Klappe hältst.
Wir beide wissen, dass du keiner von der Sorte bist, der seinen Mitmenschen
umsonst einen Gefallen tut, schon gar nicht mir. Also biete ich dafür
im Tausch etwas an, und du darfst sogar sagen, was es sein soll. Also,
was wäre dir am liebsten? Soll ich dir helfen, dein unappetitliches
Hemd zu waschen, die unbeschreiblichen Löcher in deiner Hose zu flicken
und deine Schuhe zu putzen? Oder sollen wir versuchen, dir ein bisschen
von dem Wissen näher zu bringen, das du eigentlich in deiner eigenen
Schulzeit hättest erwerben sollen? Oder wäre es dir vielleicht
lieber ..."
Daremal fuchtelte wild mit einer Hand herum, um Elderas zu unterbrechen.
"Ich weiß etwas!“, brüllte er, unbekümmert
grinsend. Elderas verdrehte die Augen und seufzte.
"Wenn ich dich gehen lasse, treffen wir uns morgen früh kurz
vor Tagesanbruch am Kapock-Futterplatz. Papa hat mir erzählt, dass
dort gerade eine kleine Herde Rast macht, die im Lauf des morgigen Tages
nach Neodria aufbrechen wird ..."
Als Elderas das hörte, drohte seine Lunge zum zweiten Mal an diesem
Tag mit einem Streik. Er blitzte den Bruder erbost an, und seine Hände
flohen in die weiten Falten seiner Ärmel, um unbeobachtet zittern
zu können.
"Daremal, du weißt genau, dass ich das nicht tun werde!“,
fuhr er seinen Bruder an, sobald er seine bockigen Körperteile wieder
unter Kontrolle hat.
Der blonde Ridun lachte nur.
„Wir werden uns zwei Kapocks schnappen und in einem Rennen gegeneinander
antreten.“
Es schien Daremal nicht einmal bewusst zu sein, welche Ungeheuerlichkeit
er da vorschlug.
"Du hast keine Wahl, Elderas. Entweder, du machst mit, oder ich schleife
dich auf der Stelle ins Versammlungshaus."
Um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen, stand er auf und stapfte
entschlossen auf Tarulkka zu, seinen zappelnden, jüngeren Bruder
hinter sich her ziehend. Elderas' Gehirn suchte fieberhaft nach einem
Ausweg – und streckte kleinlaut die Waffen.
"Bleib stehen!“, keuchte er verzweifelt. „Ich werde kommen.
Wir handeln uns sicher einen Riesenärger ein, aber ich werde da sein."
Endlich lockerte Daremal seinen Griff um Elderas' Kragen, und der schlanke
Enra blieb mit gesenktem Kopf stehen. Seine Arme hingen schlaff an seinem
Körper herunter. Der silberfarbene Mantel, das blassblaue Gewand,
selbst die kurz geschnittenen weißen Haare, die sonst widerspenstig
in alle Richtungen abstanden, zog es schwer in Richtung des zugefrorenen
Meeres unter Elderas' Füßen.
„Schwörst du bei Siadria, dass du am Rennen teilnehmen wirst?“
Empört schnaubte Elderas Daremal seine Verachtung entgegen.
„Du möchtest, dass ich bei unserer Göttin, deren Gebote
du durch die Veranstaltung von Kapockrennen missachtest, schwöre,
dabei mitzumachen?“
Daremal grinste höhnisch und nickte nur. Mühsam seine Wut unterdrückend,
senkte Elderas abermals den Kopf und leistete den Schwur. Als er wieder
aufblickte, hatte ihm der Bruder bereits den breiten Rücken zugekehrt,
und seine muskulösen Beine trugen ihn zurück nach Tarulkka.
"Kurz vor Tagesanbruch, nicht vergessen!“, rief ihm Daremal
zu, ohne sich umzudrehen.
Elderas nickte, und kam sich erst einige Sekunden später ziemlich
dumm vor, weil ihn Daremal gar nicht mehr ansah. Er blieb reglos stehen,
bis seine Füße ihn mit Nachdruck daran erinnerten, dass es
verflucht kalt war. Er sollte sich besser wieder bewegen, um nicht an
der meterdicken Eisdecke, die das mittelaenirische Meer bedeckte, festzufrieren.
Bloß nicht darüber nachdenken, wies sich Elderas an,
während er langsam weiter auf das Bergmassiv zu schlurfte, das die
violetten Himmelslichter schwach reflektierte. Wenn ich den ganzen
Tag grübele, bringe ich niemals den Mut auf, Daremal morgen am Kapockplatz
zu treffen.
Sein überraschtes Gehirn stellte zwei Sekunden lang alle Tätigkeiten
ein. Dann beschloss es, Elderas' gute Vorsätze zu ignorieren, und
begann, das Wettrennen von allen Seiten zu beleuchten.
Zum einen waren da die Kapocks: Eigentlich äußerst sanftmütige
Wesen; erschreckend groß und stark, aber erstaunlich behäbig
und friedlich, solange niemand versuchte, sie vom Fressen, Schlafen oder
von einem ihrer Jahrhunderte alten Wanderpfade abzubringen. Die Aeniren
hatten damals, als ihre Göttin Siadria noch in Menschengestalt unter
ihnen weilte, ihre Städte und Dörfer in der Nähe der speziellen
Haine, die Kapocks zur Futteraufnahme besuchten, errichtet. Seither begleiteten
Enras, die über die Gabe der telepathischen Kommunikation mit Tieren
verfügten, die Kapocks auf ihren Wanderungen und teilten den übrigen
Aeniren mit, welche Herde wann zu welchem Ort aufbrechen würde. Die
Kapocks duldeten die Menschen auf ihren breiten, wolligen Rücken,
so lange sie sich anständig benahmen – und die Aeniren revanchierten
sich, indem sie für die schwarzen Riesen süßes, randaenirisches
Dämmergras in die Baumkronen hängten. Es war eine behagliche
und effektive Art zu reisen. Als Kind hatte Elderas die ersten Anzeichen
des Winters in jedem Jahr ungeduldig herbei gesehnt. Denn dann besuchten
sein Vater, Daremal und er die Tante, die in der randaenirischen Stadt
Triensil lebte. Es war immer dieselbe Kapockherde gewesen, die zu dieser
Zeit nach Triensil aufgebrochen war. Elderas hatte es geliebt, auf dem
Rücken eines der jungen Bullen zu sitzen und die Mitglieder der Herde
während der Reise unterscheiden zu lernen.
Und jetzt verlangte sein Bruder von ihm, den Frieden einer Herde, die
am nächsten Tag nach Neodria aufbrechen sollte, zu stören. Elderas'
Zähne knirschten laut, als er sich an das spitzbübische Grinsen
Daremals erinnerte. Wusste der Ältere nicht über die Gebote
Siadrias Bescheid, oder kümmerten sie ihn einfach nicht? Nein, Unwissen
konnte nicht der Grund sein. Daremal hatte schon einige seiner Ridunfreunde
zu Kapockwettrennen herausgefordert und – Elderas' Gehirn erinnerte
ihn gegen seinen Willen daran – jedes Mal den Sieg davon getragen.
Die letzte Szene, die sich nach einem solchen Wettrennen in seinem Elternhaus
abgespielt hatte, waberte viel zu deutlich vor Elderas über das ewige
Eis des mittelaenirischen Meeres:
Daremal im elterlichen Hause sitzend, beide Ellbogen auf den Esstisch
gestützt, das Kinn auf den gefalteten Händen liegend. In seinen
Augen eine Andeutung von Spott, so leise, dass die Mutter sie ihm nicht
wirklich vorwerfen konnte.
Sie, vor ihm mitten im Raum stehend, die hellblauen Augen so stark zusammen
kneifend, dass der blendend weiße Strahlenkranz um ihre grauen Enra-Pupillen
kaum noch zu erkennen war. Die Hände auf die runden Hüften gestützt,
der üppige Busen die Dehnbarkeit ihres blauen Alltagskleides testend.
Ihre angenehme, leise Stimme mit jedem Satz ein wenig tosender erhebend,
bis sie von den gefrorenen Wänden widerhallte.
Elderas, fast unsichtbar in einer Ecke kauernd; sein Vater vor der Tür
Wache schiebend, bereit, den ältesten Sohn notfalls an den langen
blonden Haaren zurück ins Haus zu schleifen, sollte er einen Fluchtversuch
vor dem Zorn der Mutter unternehmen.
"Siadria hat uns in ihrer unendlichen Güte und Weisheit ihre
Gebote geschenkt, bevor sie vor über siebenhundert Jahren starb,
um ihren Geist mit ihren Nachfahren, den Enras, und anderen, auserwählten
Kreaturen, zu vereinen“, begann Elderas‘ Mutter.
Die tiefblauen Augen ihres ältesten Sohnes drehten sich, von einem
leisen Seufzer untermalt, zur eisigen Deckenkuppel des Hauses.
"Seither leben alle Menschen auf Aeniria, Enras wie Riduna, nach
den Geboten unserer Göttin. Und es ist ein harmonisches, friedliches
Zusammenleben mit allen anderen Wesen dieser Welt."
Daremals helle, kräftige Hand bedeckte seinen Mund, der ein schlampig
unterdrücktes Gähngeräusch produzierte.
"Es steht niemandem zu, diese Gebote zu missachten. Du hast die Kapocks
in Aufruhr versetzt und den Reisebetrieb empfindlich gestört. Kapocks
sind Geschöpfe Siadrias, von ihrem Geist beseelt! Der Sohn des Wedanzüchters
wartet nebenan darauf, dass ich seinen gebrochenen Arm richte. Und wieso?
Weil ihr beiden Holzköpfe denkt, ihr müsstet euch nicht an die
Gebote Siadrias halten wie alle anderen auch! Und wie lautet das Gebot,
das du missachtet hast?"
Daremals linker Arm krachte auf den Eistisch nieder, sein Kopf fiel hinterher,
und eine Wange ruhte schlaff auf dem Oberarm, während er, schlampig
artikuliert, hervor presste:
"Ihr sollt die freien Entscheidungen aller Lebewesen Aenirias
achten und respektieren, und in Frieden neben ihnen leben. Darf ich
jetzt gehen? Und willst du nicht endlich den armen Serian heilen? Sein
Gejammer geht mir auf die Nerven!"
Die schulterlangen, weißblonden Strähnen ihres Haares hüpften
im Takt mit, als Elderas' Mutter bedächtig mehrmals nickte.
"Merke dir Folgendes: Das nächste Mal bist du vielleicht derjenige,
der mit einem gebrochenen Knochen zu mir kommt. Ich werde dich mit Freuden
doppelt so lange liegen und jammern lassen wie den armen Serian. Und nun
geh' zu deinem Vater. Er soll dich die nächsten Tage nicht aus den
Augen lassen, und du wirst ihm einen guten Teil seiner Arbeit abnehmen."
Elderas' großer Bruder erwachte in Sekundenschnelle aus seiner Lethargie,
sprang auf und verließ schwungvoll das halbrunde Zimmer. Die Mutter
schüttelte mit Nachdruck den Kopf, machte auf dem Absatz kehrt und
murmelte im Vorbeigehen kaum hörbar:
"Ich weiß nicht, von wem er das hat. Von mir nicht, so viel
steht fest. Und von dem geliebten Mann meiner Kinder? Unmöglich,
unvorstellbar!"
Die unangenehme Erinnerung verschwamm ebenso plötzlich vor Elderas'
Augen, wie sie sich ihm aufgedrängt hatte.
"Verfluchter Mist!“, schrie er mit aller Kraft gegen den eisigen,
mittelaenirischen Wind an. „Morgen muss ich mir diese Predigt anhören!“
Und im Gegensatz zu Daremal, fügte sein brütendes Gehirn
hinzu, wirst du die Worte deiner Mutter nicht nur hören, sondern
auch verstehen.
Elderas fühlte sich nicht viel besser
und beschloss daher, diese Gedanken eine Weile zu verdrängen und
seine Aufmerksamkeit auf die Umgebung zu richten. Erstaunt stellte er
fest, dass er bereits knietief im Schnee am Ufer des zugefrorenen Meeres
steckte. Vor ihm erstreckte sich eine leicht hügelige Landschaft,
die auf seine empfindlichen Augen sogar in der violett leuchtenden Dunkelheit
blendend Weiß wirkte. Tiefe Schneemassen lagen träge am Fuß
jedes eisigen Hügels. Einige kahle, schwarze Bäume versuchten,
ihre knorrigen Äste den schwachen, winterlichen Himmelslichtern entgegen
zu recken, erinnerten sich wieder an die Last der Eis- und Schneemassen,
die sich auf ihnen festkrallten, und beugten sich resigniert zu Boden.
Ab und zu unterbrach das vorsichtige Meckern eines Gireonvogels die Stille,
bis er schnell wieder den Schnabel hielt, weil er sich erinnerte, wie
lange es noch dauern würde, bis der Frühling mit seinen intensiven,
grünen Himmelslichtern die Welt zu neuem Leben erwecken würde.
Die ganze Landschaft lag, erstickt in ihrem winterlichen Gewand - aber
dennoch eigenartig friedlich - vor Elderas. Bis auf ein störendes
Detail: Den ausgewachsenen Herando, der in diesem Moment in einer scharfen
Linkskurve um eine Schneeverwehung bog und seinen massigen Körper
auf direkten Kollisionskurs mit Elderas brachte.
Vier riesige, schneeweiße Tatzen bohrten sich mit ausgefahrenen
Krallen rhythmisch in den Tiefschnee, den der Herando beim Rennen kraftvoll
durchpflügte. Elderas vermochte die wulstigen Muskeln der Vorderbeine
unter dem dicken Winterfell und der bemerkenswerten Fettschicht des Tieres
nur zu erahnen. Das Maul des Herandos war leicht geöffnet, und eine
breite, blaue Zunge flatterte seitlich zwischen den Zähnen im Wind.
Der mächtige Kopf mit der langen, grauen Schnauze wippte unter dem
Gewicht eines prächtigen Paares zweifach gedrehter, pechschwarzer
Hörner auf und nieder. Elderas' Gehirn teilte ihm unaufgefordert
mit, dass er sich glücklich schätzen sollte, weil der Wind vom
Meer her wehte, und ihm so wenigstens der beißende Geruch des Herandos
erspart blieb. Der Enra wies sein Gehirn darauf hin, dass dies im Moment
seine kleinste Sorge war. Er machte sich vielmehr Gedanken darüber,
wie wohl seine Chancen stünden, den in wenigen Sekunden fälligen
Zusammenstoß zu überleben. Sein Gehirn begann sofort, die Wahrscheinlichkeit
zu berechnen, und versäumte es daher, ihm vorzuschlagen, sich seitlich
abzurollen, um aus der Laufrichtung des massigen Raubtieres zu verschwinden.
Die Atemluft verdrückte sich erneut aus Elderas' Lunge, als die tellergroßen
Vorderpfoten des Herandos mit unglaublicher Wucht auf seinem Brustkorb
landeten und den Enra zu Boden schleuderten. Ein völlig unpassender
Gedanke schlich durch Elderas' Hirnlappen:
Was ist schlimmer; Daremals gehässige Visage oder dieser deutlich
nach Fisch stinkende Rachen?
Der Herando blickte Elderas aus stechend gelben, mit einer tiefschwarzen
Fellzeichnung umrahmten Augen an. Er schien nicht recht zu wissen, was
er mit seiner menschlichen Beute anfangen sollte. Sein Atem ging schnell
und schwer, als er den Mund weit öffnete, die Lefzen leicht zurück
zog und Elderas seine messerscharfen Reißzähne präsentierte.
Der Enra schloss die Augen in Erahnung dessen, was jetzt folgen würde.
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